29. Mai 2024

Faktencheck: Schaden raumlufttechnische Anlagen dem Klima?

In der Gemeindevertretersitzung vom 25.5.2022 entstand ein Moment der Irritation, als Bürgermeister Sven Richter in der Diskussion um die Errichtung von Wohnraum im Gemeindegebiet folgendes sagte:

"Ich kann mir den Seitenhieb jetzt nicht verkneifen, Frau Mohn. Hier wird immer wieder das Klima angeführt und ich komme zurück zu den raumlufttechnischen Anlagen. Also ob die nun klimaneutral sind, das wage ich mal in Frage zu stellen und auch dazu hätte ich das Ding eigentlich beanstanden müssen, aber sei es drum."

Wir wollen also die Frage klären, ob raumlufttechnische Anlagen klimaneutral sind.

Situation in Dallgow

Es geht hier um die geplanten raumlufttechnischen Anlagen in den beiden Grundschulgebäuden. Diese sollen bei geschlossenen Fenstern für einen kontinuierlichen Luftaustausch sorgen. Gerade in den letzten beiden Wintern war während der Coronapandemie häufiges Lüften vorgeschrieben, so dass die Räume teilweise stark auskühlten und Schulkinder nur noch in Jacken am Unterricht teilnehmen konnten. Die raumlufttechnischen Anlagen sollen diese Abkühlung verhinden und gleichzeitig den gleichen Effekt wie das Lüften durch Öffnen der Fenster haben. Sie erreichen das durch einen Wärmetauscher, der die Wärme der ausströmenden Luft auf die einströmende Luft überträgt.
Die Grundschulen werden mit Erdgas beheizt. Die raumlufttechnischen Anlagen werden mit Strom betrieben.

Stand der Wissenschaft

Professor Dr. Ing. Uwe Franzke vom Institut für Luft- und Kältetechnik Dresden hat eine Studie verfasst, die sich diesem Thema widmet (https://www.tga-praxis.de/sites/default/files/public/data-news/co2-studie_gebaeudetechnik-a.pdf).
Darin wird unter anderem untersucht, inwieweit raumlufttechnische Anlagen einen Einfluss auf die CO2-Bilanz eines Gebäudes haben. Prof. Franzke zieht folgendes Fazit:

Mit einer erweiterten Bilanzgrenze über das gesamte Gebäude liegt die CO2-Intensität der WRG bei 328,9 kg eCO2/€ und damit deutlich über vergleichbaren Technologien wie der Renovierung der Gebäudehülle oder der Beleuchtung.

Übersetzt: pro eingesetztem Euro spart so eine Anlage 328,9kg CO2 über die Laufzeit.

Gilt das auch für Dallgows Grundschulen?

In der Studie wurde ein bestimmtes Gebäude genau untersucht. Die Rahmenparameter der Dallgower Gebäude sind natürlich nicht identisch, der Effekt lässt sich jedoch gut übertragen. Das lässt sich ganz gut nachvollziehen: Die Heizungen – mit Erdgas betrieben – haben eine bestimme Leistung. Diese Leistung reicht nicht, um gegen offene Fenster im Winter anzuheizen. Die Räume kühlen sich also stark ab. Die Heizung muss zum Ausgleich nun auf Volllast laufen, damit sich die Räume wieder erwärmen können. Die Heizung produziert daher die ihrer Leistung entsprechende maximale Menge an CO2.
Sind stattdessen RLT mit Wärmetauscher im Einsatz, hält der Wärmetauscher über 85% der Wärmeenergie im Raum. Entsprechend kühlt der Raum kaum ab und die Heizung muss nicht unter Volllast laufen und spart entsprechend Brennstoff und CO2.

Raumlufttechnische Anlagen laufen aber auch nicht mit Luft und Liebe

Das stimmt. Sie benötigen Strom, um die Ventilatoren zu betreiben. Allerdings ist die benötigte Ventilatorleistung um ein Vielfaches kleiner als die Heizungsleistung, die gespart wird.
Hinzu kommt, dass nach unseren Erkenntnissen unsere Gemeinde zusammen mit anderen Gemeinden auf Ökostrom umgestiegen ist. Das heisst, dass der von den Ventilatoren verbrauchte Strom CO2-neutral produziert wurde.
Wir sparen damit also eine Menge Erdgas / CO2 und setzten dafür klimaneutralen Strom wesentlich geringerer Leistung ein.

Zurück zum Seitenhieb

Der Bürgermeister stellte in Frage, ob die raumlufttechnischen Anlagen Klimaneutral seien. Diese Frage lässt sich wie folgt beantworten:
Sie sind nicht nur klimaneutral, im Falle von Dallgow sind sie sogar CO2-negativ, denn sie sparen CO2 in Form von Erdgas ein und benötigen dafür lediglich klimaneutralen Strom.

Hätte der Bürgermeister daher die raumlufttechnischen Anlagen beanstanden müssen?
Nein. Unter dem Aspekt des Klimaschutzes hätte er ihren Einbau sogar forcieren müssen.

War der Seitenhieb berechtigt?
Nein, er war eher ein Eigentor.

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