29. Mai 2024

Da habe ich spontan reagiert – Interview mit einer privaten Flüchtlingshelferin

Berlin als eines der Drehkreuze für ukrainische Geflüchtete empfängt täglich mehrere tausend Ukrainer. Von hier werden sie verteilt. Staatliche Kapazitäten reichen schon lange nicht mehr und so haben viele private Helfer Wohnraum zur Verfügung gestellt. Auch Dallgower sind unter diesen privaten Helfern. Wir haben mit Krankenschwester Christine gesprochen, eine 63-jährige Dallgowerin, die Platz in ihrem Haus geschaffen hat, um zu helfen.


Hallo Christine, vielen Dank für das Interview. Du hast eine ukrainische Familie bei dir aufgenommen. Wie hast du die Zeit des Kriegsbeginns erlebt?
Ich habe davon im Fernsehen erfahren. Wenn man sich überlegt, dass die Ukraine ja vor unserer Haustür ist, da hat mich das schon belastet.

Hattest du vorher bereits Beziehungen zu Ukraine?
Nein, überhaupt nicht.

Wie hast du von der Möglichkeit erfahren, ukrainische Flüchtlinge aufzunehmen?
Es gibt mehrere Internetgruppen. Ich habe mich bei mehrere Gruppen angemeldet, bestimmt bei 6 insgesamt, und Wohnraum zur Verfügung gestellt. Meine Tochter ebenso. Es tat sich aber nichts. Die Nachrichten in den Medien wurden immer trauriger und gruseliger und dann bin ich durch Zufall auf eine WhatsApp-Gruppe gestossen. Dort gab es im 2-Minuten-Takt Anfragen zur Unterbringung von Frauen, die Unterschlupf suchen. Meistens mit Fotos. Da habe ich mich spontan gemeldet. Da war dann erstmal jemand, der nur vermittelt hat. Das hat dann optimal geklappt.

Wie habt ihr Kontakt miteinander aufgenommen?
Über diese WhatsApp-Gruppe. Die Vermittlerin hat mich dann angerufen und Leute vorgeschlagen, ob ich die nehmen möchte. Da habe ich "ja, gerne!" gesagt. Dann meldete sie sich noch einmal, weil sich das nochmal geändert hat und nun hätte sie eine Oma mit Enkel und 2 kleinen Hunden. Und da die offiziellen Stellen keine Tiere annehmen, wurde ich gefragt, ob ich bereit bin, auch Leute mit Tieren aufzunehmen.

Wie ist die Familie zu dir gekommen?
Die waren in Berlin am Hauptbahnhof. Dann wurden sie zu mir gebracht, per Hauslieferung. Das waren andere Helfer, die beim Transport der Flüchtlinge in die Unterkunft helfen.

Wer ist deine Familie? Woher kommen sie?
Letztendlich ist es doch keine Oma mit ihrem Enkel sondern eine 43-jährige Mutter mit ihrer großen, 17-jährigen Tochter und 2 kleinen Hunden. Die beiden kommen aus Kiew.

Hattest du keine Angst, für dich fremde Menschen in dein Haus zu lassen?
Ich lebe seit 12 Jahren alleine. Aber ich hatte gar keine Angst. Es war mir ein großes Bedürfnis, zu helfen.

Wie hast du dich auf die Gäste vorbereitet?
Ich habe mein ganzes Haus geputzt. Was dringend nötig war! Das hat Spaß gemacht. Inklusive Fenster putzen. Das war also eine gute Gelegenheit.

Wie ist der Familie die Flucht gelungen?
Sie sind mit dem Zug geflohen über Lviev, dann über Polen und weiter bis nach Berlin. Diese Reise hat 4 Tage gedauert. Sie haben dann hier bei mir erstmal lange geschlafen.

Mussten sie Familienmitglieder zurück lassen?
Sie haben ihre ganze Familie in Kiew gelassen, nur Mutter mit Kind sind weg. Einen Mann hat sie nicht, aber Papa, Mama, Oma, Opa, Geschwister, alle sind in Kiew geblieben. Der Rest der Familie möchte in Kiew bleiben.

Wie können sie Kontakt in die Ukraine halten?
Über Smartphone sind sie täglich in Kontakt. Reden miteinander, schicken Fotos und Videos.

Wie klappt die Verständigung zwischen euch? Sprecht ihr eine gemeinsame Sprache?
Mit Körpersprache. Und Keep Smiling, ganz wichtig. Wir haben die gleiche Wellenlänge, ein ganz großer, schöner Zufall. Wir verständigen uns mit dem Smartphone über den sprechenden Übersetzer. Das klappt sehr gut.

Hast du das Gefühl, dass der Krieg durch die Unterbringung näher an dich herankommen ist?
Nein, eigentlich nicht. Sie erzählen nicht viel über den Krieg, sitzen auch nicht den ganzen Tag da und weinen. Das sind Menschen, die nach vorne gucken.

Ist das als Übergangslösung gedacht oder planst du eine längere Unterbringung?
Ich plane eigentlich eine längere Unterbringung. Wir versuchen Arbeit zu finden und versuchen auch eine Wohnung zu finden. Aber wenn nicht, dann bleiben sie erstmal hier.

Wie ist der Alltag für euch?
Sie haben hier ein großes, eigenes Zimmer mit 2 Betten, die Küche teilen wir uns. Wir kochen abwechselnd und das Badezimmer teilen wir uns auch. Sie helfen mit im Garten und Auto waschen und solche Sachen. Ich habe leckere neue Gerichte kennengelernt. Das ist super interessant und ich denke, nur so kann es funktionieren, wenn man auch jemanden hat, der einem die deutsche Kultur auch nahe bringt. Die dürfen ja nicht isoliert irgendwo vor sich hin wohnen. Die brauchen einen deutschen Paten. So wünsche ich mir das.

Hat die Mutter schon eine Arbeitserlaubnis?
Die sind registriert und wir warten jetzt auf die Unterlagen. Die werden dann hierher geschickt. Sie ist Modedesignerin. Es ist erschreckend, was ihr für Arbeit angeboten wird. Stundenlohn 11 Euro, das kann ja wohl nicht wahr sein.

Entstehen dir durch die Unterbringung Kosten?
Ja, die trage ich gerne. Aber jetzt hat ja der Landkreis bekannt gegeben, dass eine kleine finanzielle Entschädigung gezahlt wird. Das war gerade erst in den Nachrichten. Für 2 Personen bekommt man pro Monat 250€. Allerdings sieht es so aus, als müsse ich das dann wieder versteuern.

Wie erleben die Frauen Dallgow?
Sie fühlen sich hier sehr wohl. Wir waren auch oft in Berlin. Sie freuen sich auf ihr neues Leben hier. Sie wollen in Deutschland sesshaft werden.

Gibt es Hilfe, die du oder deine Flüchtlingsfamilie jetzt brauchen könnte?
Nein, nichts notwendig.

Welchen Beruf haben deine Flüchtlinge?
Die Mutter ist Modedesignerin, die Tochter ist Schülerin. Nach den Osterferien geht sie dann hier in Dallgow zur Schule. Sie wollen natürlich so schnell es geht deutsch lernen.

Haben sie bereits Arbeit in Deutschland? Oder suchen sie? Vielleicht hat einer unserer Leser einen Job zu vergeben.
Ja, sie sucht Arbeit. Sie ist Modedesignerin und hat ein eigenes Modelabel. Sie war in Mailand auf den Modeschauen. Wir suchen. Wenn also jemand etwas hat, bitte melden sie sich!

Sollte der Krieg enden, möchten die Frauen dann zurück kehren oder in Deutschland bleiben?
Sie möchten hier bleiben. Sie können ihre Familie dann ja besuchen oder die Familie besucht sie hier. Nach dem Krieg wird die Reise ja nicht mehr 4 Tage dauern.

Wie ist dein Eindruck von Gesellschaft und Politik? Läuft es gut oder müsste anders agiert werden?
Ich denke, es ist ok. Aber unser Staat wäre verloren, wenn nicht so viele private Initiative erfolgen würde. Ich frage mich immer, warum man sich nicht für andere Flüchtlinge genauso engagiert hat.

Wenn andere Dallgower helfen wollen, was kannst du ihnen empfehlen?
Man sollte es sich wirklich gut überlegen, ob man jemanden aufnehmen möchte oder nicht. Ich gebe zu, ich habe nicht überlegt sondern spontan reagiert. Ich hatte ganz ganz großes Glück, das wir so toll harmonieren. Aber wenn ich mich so umhöre, es gibt doch viele Probleme. Man muß es gut abwägen, ob man so stark ist, jemanden aufzunehmen. Es gibt Geflüchtete, die den ganzen Tag weinen, die wirklich traumatisiert sind. Andere sind verängstigt, gar nicht offen. Wer vom Dorf geflüchtet ist, hat vielleicht einen anderen Lebensstil und Probleme, sich anzupassen.

Vielen Dank für das Gespräch

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